Dr. Ingrid Koch, Altenau, am 5.9. 2026

AUSSTELLUNGSERÖFFNUNG

E.R.N.A.s BILDerLEBEN - 42 Jahre Malerei/Grafik – Personalausstellung

Meine Damen und Herren,

liebe Freunde des Kunst-Ortes in Altenau,

liebe Elke,

die viele unter ihrem Künstlernamen E.R.N.A. kennen, und die uns heute zur Eröffnung ihrer

Ausstellung „BILDerLEBEN“ eingeladen hat. Und nun hier vor Ort – vielleicht geht es Ihnen auch so – entschlüpft mir die etwas rhetorische Frage: Ist das nicht eine Wahnsinnsschau, zu der die Künstlerin uns bat, und die so erst möglich wurde, weil die große Ausstellungsscheune seit Kurzem fertig ist? Ich meine mit der Formulierung „Wahnsinnsschau“ allerdings keineswegs nur die schiere Fülle des Gezeigten, die für sich schon beeindruckt, sondern auch die Energie, die von den vielen Werken ausgeht, die während der vergangenen rund 40 Jahre entstanden sind. Auch letzteres eine Zahl, die sich gewaltig anhört, wenn man sie ausspricht – eine Erfahrung, die sicher viele der hier Anwesenden schon gemacht haben.

Und ein erster flüchtiger Blick durch E.R.N.A.s Bilderwelten lässt den Eindruck entstehen: Da kommt immer wieder was, nicht schwächer als das Vorige! Und noch etwas anderes zu sagen, bestärkt mich dieser erste, generalisierende Blick: Provinz muss kein Hindernis sein, um aufregende, welthaltige Kunst zu machen und diese auch über den Entstehungsort hinaus zur Wirkung zu bringen. Dazu bedarf es aber wohl so willensstarker, standsicherer und mit vielen Talenten ausgestatteter, eigenständiger Künstlerpersönlichkeiten wie Elke und Paul Böckelmann, die zudem wohl noch sehr begabte Netzwerker sind.

Heute nun geht es aber erst einmal um „E.R.N.A.s BILDerLEBEN“ – ein Ausstellungstitel, der sich mehrfach deuten lässt, je nachdem, wie man die Silben trennt oder die Betonung setzt.

Man kann aus der Zusammenfügung BILDerLEBEN einfach das Wort „Bilderleben“ herauslesen. Und dann steht E.R.N.A.s Bilderleben für ihr Schaffen, ihre Auseinandersetzung mit den Bildern im Kopf und den auf Papier und Leinwand entstandenen. Von letzteren breitet sie hier einen großen Teil aus, aber keineswegs alle. Verzichtet hat sie total auf die Druckgrafik, die in ihrem Schaffen durchaus einen beachtlichen Platz einnimmt. Aber der Raum hat trotz seiner Größe eben Grenzen und inhaltlich gibt es keine grundlegende Differenz zum hier Gezeigten.

Die Ausstellung führt uns von Dresden, dem Diplom bei Gerhard Kettner, in die Anfangsjahre hier in Altenau, ins alte Pfarrhaus, das sehr romantisch hinter der alten Kirche steht, aber zu Beginn keineswegs das war, was es heute ist mit seiner Galerie und den Werkstätten. Die Arbeiten wandern durch die Zeit um 1989, durch die 90er, die beiden ersten Jahrzehnte der 2000er und schließlich in die unmittelbare Gegenwart.

Die Wortfügung, die für den Ausstellungstitel gewählt wurde, hebt aber ebenfalls auf den Betrachter ab. Denn sie lässt sich ebenso in „Bild erleben“ wandeln. Somit geht es der Künstlerin auch darum, ob ihre Kunst etwas mit den Erfahrungen des Publikums zu tun hat, ob man sich als Betrachter mehr oder weniger darin wiederfindet. Letztlich ist die Dialogfähigkeit beider Seiten gemeint. Es gibt zu diesem Thema im Übrigen auch eine Serie von Bildern aus dem Jahr 2022, die sich gewiss auf mehr bezieht als das Gespräch über Bilder. Zwei davon – es handelt sich mehr oder weniger um Köpfe, deren Gesichter, und teils sind auch Hände einbezogen, die eine Stimmung anzeigen – sind hier in der Ausstellung.

Ich möchte noch auf einen dritten Aspekt der von E.R.N.A. gewählten Wortfügung verweisen. Dieser ist mit den beiden anderen Deutungen eng verbunden und ergibt sich aus der Betonung der Wortteile und lautet: (die) „Bilder l e b e n“. Das heißt, gleich wann sie entstanden und was der unmittelbare Anlass war, sie sprechen den Betrachter an, machen ihn neugierig, Man spürt beim Ansehen, dass Dinge verhandelt werden, die nicht nur die Künstlerin betreffen. Das hängt natürlich damit zusammen, wie E.R.N.A. ihre Arbeiten anlegt – oft aufregend, ja energiegeladen, voller Verve. Das ist wahrscheinlich auch ein Grund dafür, dass bei ihr häufig, nachdem sie eine Arbeit zu einem Thema, einem Gedanken, einem Erlebnis realisiert hat, noch eine ganze Anzahl weiterer entstehen. Das heißt: Sie arbeitet meist seriell.

Liebe Freunde,

ich habe eingangs die Energie erwähnt, die die Werke dieser Ausstellung ausstrahlen. Diese erwächst natürlich nicht zuletzt aus ihrem Duktus, und – sofern es keine Schwarz-Weiß-Arbeiten sind, ihrer Farbigkeit. Was ins Auge fällt, ist ein, mal mehr, mal weniger – in frühen Werken eher mehr – ausgeprägter expressiver Grundzug. Manchmal fühlt man sich, besonders in den frühen Schaffensjahren, an die „Neuen Wilden“ erinnert, die ja auch im Osten ihre Anhänger hatten und eine eigene Ausprägung.

Insgesamt weist das Bilderleben von E.R.N.A. auf das Herkommen aus einer bewegten, experimentierfreudigen Zeit, einer schöpferischen Generation von Künstlern, zu der unter anderem Steffen Fischer, Angela Hampel oder Gudrun Tendrafilov gehören. Sie haben durchaus den Aufbruch geprobt in neue, ungewohnte Bildwelten, nicht zuletzt an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste, die zugleich aber auch, was deren beste Vertreter betrifft, Lehrer hatten, die diesen Drang in eine qualitätvolle Richtung lenken konnten, weil sie selbst starke Künstlerpersönlichkeiten waren. Diese konnten sich wiederum auf eine Tradition stützen, die sie schöpferisch nutzten, aber ebenso internationale Entwicklungen – entgegen mancher heutigen Legende – im Auge hatten.

Für E.R.N.A. (und Paul), die zwischen 1979 und 1984 in Dresden studierten, war diese entscheidende Figur – wie für zahlreiche andere, darunter die später selbst als Professorin bis 2010 an der HfBK wirkende Elke Hopfe – Gerhard Kettner. Bei Kettner wie auch später Elke Hopfe ging es neben „Handwerklichem“ immer auch um künstlerische Haltung. In der Person Kettners war eine Tradition eingeschrieben, die von Namen wie Josef Hegenbarth, Hans Theo Richter oder Max Schwimmer, aber auch Otto Dix geprägt war. Immer war und ist es Künstlern wie diesen um den Menschen gegangen, möglichst zum Grund seines Wesens vorzustoßen. So war es auch kein Zufall, dass Giacometti in dieser Zeit in den Blick hiesiger Künstler geriet. In diesem so gestalteten Umfeld, entwickelten sich Künstlerpersönlichkeiten, die ihren eigenen Weg finden konnten.

Manche der gezeigten Arbeiten lassen durchaus etwas vom „Woher“ erkennen: zuvorderst die mit Bleistift gezeichneten Köpfe im Kabinett der Galerie (1988). Betrachtet man die gesamte Ausstellung, so sieht man die solide zeichnerische Schulung, die man bei den derzeitigen Absolventen so oft vermisst. Bei E.R.N.A., die bis heute von sich sagt: „Ich bin Zeichnerin“, zieht sich dieses Charakteristikum durch das ganze Werk. Sie fällt nicht nur mit tollen Zeichnungen auf, seien es Köpfe oder auch das in Zeichnungen gefasste Ende der DDR, das sie vorm Fernseher verfolgte. Das Zeichnerische und damit teils Spontane fließt auch in ihre Malerei ein, besonders in die Physiognomien und Affekte erfassenden Köpfe. Stark ausgeprägt ist dieser Zug zudem in frühen Bildern wie dem „wild“ gemalten Triptychon „Es ist ein Kreuz“ oder auch den „Männerbildern“, die es gemalt und gezeichnet gibt.

Mit den Jahren entsteht im Duktus zweifellos eine größere Vielfalt bis hin zu Popartigem. Zugleich sucht die Künstlerin auch nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten, sichtbar etwa in dem Triptychon „Wasser“ von 2019 oder auch den „Standbildern“ von 2025 und vor allem 2026, die sie mit Kohle auf Leinwand gezeichnet hat. Das Trio „Wind“, „Feuer“, „Wasser“, ausgedrückt in Figuren, setzt hier durchaus neue, weichere Akzente.

In diese Kategorie fallen gewissermaßen auch die seit einigen Jahren (wohl ab 2015) entwickelten Landschaften in Tusche und Kohle, die der flachen, ziemlich ereignislosen Landschaft im Süden Brandenburgs einen bemerkenswerten Reiz abgewinnen. Besonders das Kohle-Triptychon von 2026 in der Scheune entfaltet eine überraschende Wirkung, zumal E.R.N.A. als „Landschafterin“ eigentlich gar nicht so stark im Bewusstsein ist.

Liebe Freunde,

gleichwohl schöpfen ihre Arbeiten aus des Lebens ganzer Breite. Und sie bemüht im Unterschied zu Alterskollegen höchst selten – wenn überhaupt – Literatur oder antike Überlieferungen. Ihr eigenes Leben, ihre Erfahrungen, eingebettet in das gesellschaftliche Ganze, bieten ihr genügend Anregungen für Bilder unterschiedlicher Art. Leichtes und Schweres, Freude und Tragik, Liebe und Tod, Frausein, sich behaupten und die Anziehung, aber auch das Ringen der Geschlechter – alles spielt eine Rolle in ihren Arbeiten. Allgemeines wird im Alltäglichen sichtbar gemacht, manchmal auch surreal überhöht und teils auch mit Ironie und Sarkasmus versehen. Mehrdeutigkeit ist ebenso kein verschmähtes Mittel.

Wie schon gesagt, entsteht aus dem Bedürfnis, sich zu etwas Konkretem auszudrücken, meist eine Serie. Das hat sicher auch damit zu tun, dass der Betrachter zwar mitunter einer schwer deutbaren Szene ansichtig wird, aber keiner Erzählung. Auf die zahlreichen Kopfdarstellungen wurde schon verwiesen, die meist Charakterzüge, Stimmungen oder Affekte ausdrücken (Rote Köpfe, 1995, KohleKöpfe 2026). Allerdings gibt es auch Porträthaftes, wie die Ausstellung ebenfalls in einigen Beispielen verdeutlicht (Gesichtsfelder, 2013, Tusche). Zudem findet man rein malerische Arbeiten dieser Art. So fällt ein Kopf ins Auge, für den man den Spruch, dass jemand „grün vor Ärger“ ist, anwenden könnte. Die Kopfdarstellungen spielen in E.R.N.A.s Werk eine Schwerpunktrolle. Die Künstlerin kann damit offensichtlich vieles ausdrücken, was sie alltäglich im Umgang mit anderen Menschen wahrnimmt.

In diesem Zusammenhang möchte ich noch darauf verweisen, dass zum „BILDerLEBEN“ auch eine Anzahl keramischer Plastiken gehört, die in das Themenfeld der Köpfe gehören. Sie können sie hier an verschiedenen Stellen platziert in Ihre Betrachtungen einbeziehen. Es sind zum einen volumige Arbeiten, die mitunter wie um- bzw. eingewickelt erscheinen. Zum anderen sind diese Köpfe eher flach, plattenhaft gehalten. Charakteristisches erhalten sie durch profilierende Ritzungen und dunkle Einzeichnungen.

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Interessant ist für mich an dieser Ausstellung auch, wie nach Jahren bestimmte Titel/Themen erneut auftauchen: etwa das Händewaschen. 1989 entstand ein Bild unter diesem Titel, 2026 eine große Kohlezeichnung mit dem Titel „Unschuld“. In den Umbruchprozessen um 1989, in deren Kontext E.R.N.A. eine Reihe davon angeregter Arbeiten schuf („Der Sturz“, 1990, „Männerbild“, 1991, die Zeichnungen „Männerbilder“ oder die schon erwähnten Kommentare zu den Fernsehübertragungen jener Zeit, etwa vom Runden Tisch), thematisierte sie auch das „Händewaschen“. Es wuschen ja viele ihre Hände in Unschuld – viele zu Recht, manche eher nicht! Wenn dieses Thema heute unter dem Titel „Unschuld“ wieder aufkommt, dann kann man dies, glaube ich, getrost den Zeitumständen zuordnen.

Meine Damen und Herren,

dieses ganze Künstlerleben, das hier so reich ausgebreitet, aber trotzdem noch nicht einmal in Gänze in Form der Werke vor uns liegt, ist natürlich auch immer ein Ringen – nicht nur um künstlerische Fragen – gewesen. Viele der hier gezeigten Arbeiten sind der Selbstbefragung, der Befragung der Beziehung, dem Hinterfragen des Familiären, nicht zuletzt der eigenen Kraft, aber auch der Stellung als Künstlerin gewidmet. Das geschieht teils mit Humor („Ich war am Meer“, 1996, vielleicht auch mit „Blondi macht frei“, 1998). Besonders die Bilder des Jahres 2009 aber lassen erahnen, dass persönliches Unglück wie der Tod eines Kindes Menschen an ihre Grenze bringen kann.

Allein hier in der Ausstellung zeigt E.R.N.A. vier Adaptionen ihrer Selbst aus dieser Zeit. Es sind zwei Köpfe und zwei Ganzkörperdarstellungen. Besonders eine der Letzteren berührt sehr, zeigt sie doch eine Frau mit tiefem Herzeleid, letzteres sehr direkt – blutend rot. Andere Bilder fragen, wie es mit der Familie weitergeht, ob vielleicht jemand untergeht. Die Hoffnung liegt möglicherweise in „Wolke 8“ oder dem auffliegenden „Täubchen“. Und alle Bilder zusammen aus dieser Zeit sprechen davon, dass E.R.N.A. sich das Leid von der Seele gemalt hat, so weit das möglich ist.

Und sie hat neue Kraft gewonnen! Das zeigen nicht zuletzt die vielen Werke aus der jüngeren Zeit. Und es scheint, als hätte der neue Ausstellungsraum auch seinen Beitrag geleistet, sind doch gerade in den letzten beiden Jahren zahlreiche größere Formate entstanden. Und ein Thema kommt in vielen Facetten nun stärker auf: der ökologische Zustand der Welt. Das Wasser wird thematisiert: Menschen sind über und unter Wasser, mal ist es zu viel, mal zu wenig, Wind/Sturm zaust Mensch und Natur, und es fehlt nicht viel, dass nicht nur die umgebende Natur Feuer fängt, sondern es auch den Menschen unmittelbar bedroht.

Das schildert E.R.N.A. nicht in beängstigenden Szenen, sondern in zwar dynamischen, aber lyrisch wirkenden Zeichnungen und Bildern, wozu auch das Quartett von „Frühling“, „Sommer“, „Herbst“ und „Winter“ von 2019 gehört – fast mannsgroße Mischtechniken auf Papier in zarter Farbigkeit und feiner Binnenzeichnung.

Die Welt bleibt in Altenau wahrhaftig nicht draußen – nicht nur objektiv, sondern auch dank solch reger Geister wie E.R.N.A. ganz subjektiv! So kann man gespannt sein, was noch entstehen wird, wohin der künstlerische Weg noch führt. Dafür wünsche ich viel Inspiration und Glück!

Danke!

Dr. sc. phil. Ingrid Koch

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